Dua Lipa Studio 2054

Zu Silvester gab es im free TV Dua Lipas "Studio 2054" zu sehen. Lohnte sich das Einschalten?
Veröffentlich am 3. Januar 2022 und aktualisiert am 12. Januar 2022
Dua Lipa in ihrem Konzertfilm Studio 2054
Rechte: 3Sat, Warner Music

3Sat hat es sich zur Tradition gemacht, an Silvester und Neujahr Konzerte zu zeigen. In diesem Jahr war auch Dua Lipa mit ihrem Konzertfilm „Studio 2054“ dabei. Den gab es bisher nur als Livestream im November 2020 gegen Bezahlung.

Dua Lipa, das Gesicht der Zeit

Dua Lipa ist ja eigentlich das Gesicht der Zeit – das Gesicht für starkes female empowerment, für Entschlossenheit und breitbeiniges Auftreten, für Erfolg, Trotzigkeit durch eine Portion Rotzigkeit und dabei stetig fehlerfreiem Abliefern auf allen Ebenen bis hin zum Body Mass Index. Anfänge in 2015 und 2016, dann guter Erfolg in 2017. Mainstream wurde sie so um 2019, als Lipa auch im Fernsehen dauerpräsent wurde durch die Yves-Saint-Laurent Kampagne für das YSL Parfum „Free“. Da tritt sie im schwarzen Hosenanzug auf, mit kurzgeschnittenem Bob. Ein Raubvogel landet auf ihrem Arm, vor flammendem Schriftzug wird gelaufen, ohne sich danach nur umzudrehen. Die Augen stets zu Schlitzen geformt, die scharf fokussiert sind auf das neue Zeitalter. So kennt man sie, so fürchtet man sie.

Dua Lipa, „Studio 2054“

Den Song zur Werbekampagne hat sie zwischenzeitlich als „Free“ in 2021 auch selbst veröffentlicht, wie auch eine Reihe anderer Songs. Und dann kam ein neues Album und dieser Konzertfilm. Die Corona Pandemie zwang in den letzten Jahren ja zunehmend Live-Show geneigte Künstler (performing artists) sich neue Wege zu ihrem Publikum zu suchen. Lipa selbst war von der Idee dem Vernehmen nach zunächst nicht begeistert. Aber der Druck der Fans – ach klar – der wurde dann so groß, dass man sich breitschlagen ließ, eine Show als Livestream gegen Bezahlung zu spielen. Nicht schlecht – da muss man schon ein großer Fan sein, um da mitzugehen. Online für etwas Geld verlangen und bekommen gehört ja zur größten Kunst. Dieses „Special“ also, gab es gebührenfinanziert im free TV. Für die späten Nachzügler, die den Album release ignoriert und die daraus ausgekoppelten Singles „Levitating“ und „Don’t Start Now“ überhört hatten. Jetzt also, zwischen den Jahren, so richtig spät um 4h morgens. Wer nach Sekt, Anstoßen und spärlichem Pandemie-Feuerwerk wieder vor der Glotze gelandet war, auf den wartete ein Schmankerl. Richtig?

Leider falsch. Denn: was war denn das? Aber von Anfang. Das Ding geht macht schon vorab einen richtig ambitionierten Aufschlag. Allein die Prämisse: „Studio 2054„. Der New Yorker Nachtclub Studio ’54 genießt ja nicht nur in Musikkreisen Legendenstatus, ist die Benchmark, Mythos, der Inbegriff des Zeitgeist jener Epoche. Hier also nun die Replik dazu, die Wendung in die Zukunft! 100 Jahre voraus. Dua Lipa meldet sich aus der Zukunft, liefert revolutionäres, nie da gewesenes, die Utopie, die neue Musik, das große Ding. Da werden dem Musik-Connaisseur die Hände schwitzig.

Vorhang auf für die Show

Los geht’s, dunkler Schriftzug, Bühnennebel. Eine tanzende Menge und zuckende Lichter. Man erkennt gleich: hier ist Englisches Pop-Profi Handwerk am Drücker. Das lässig-improviert wirkende adhoc Getanze der fast ausschließlich weiblichen Tänzerinnen ist tatsächlich durchchoreographiert bis auf den letzten Schritt und wird mit maschineller Präzision abgeliefert. Dann tritt Dua Lipa dazu und singt in einem weißen Glizer-Fransen Kleid ihren ersten Song „Future Nostalgia„. Wie passend, die Vergangenheit trifft die Zukunft. Da rutscht man im Sessel nach vorne. Allerdings fällt dann langsam die etwas leer wirkende Kulisse in den London Printworks auf. Okay. Das Interieur des Studio 54, was man so von Bildern kennt, war auch nicht der Inbegriff von Style. Das ist bestimmt nur der Einstieg. Wird noch.

Wenn man aber bei einer Show beginnt das Dekor der Decke zu betrachten, dann läuft irgend etwas schief. Mh… ging schnell, der Verlust der Aufmerksamkeit. Obwohl Lipa sich redlich müht. In den Vorab-Verlautbarungen zum Konzertfilm wurde darauf hingewiesen, wie lange und intensiv die Vorbereitungen waren. Ja, man hat sich Mühe gegeben. Wollte sicher was großes Abliefern. Den Meilenstein. Und an Tänzern und vor allem Tänzerinnen wurde nicht gespart. Die Frauen sind in der Überzahl und die Zukunft, das ist Teil des Image von Dua Lipa und eine Lehre aus der Show. Die andere Message ist, dass heutzutage, also post Auto-Tune und obwohl auf Platte alles aus dem Rechner und VST kommt, eine Pop-Show nur dann credibility hat, wenn sie möglichst live gespielt wird. Wohl daher hat Dua in diesem einstündigen Videoclip eine „live band“. Witziges Detail dabei, die Mucker sind überwiegend Männer. Bestimmt als Kontrapunkt gedacht. Eine andere Sache ist aber der Sound, der gewählt wurde. Es sollte live klingen, tut es auch – leider wie auf einem Konzert, auf dem man einen schlechten Platz erwischt hat. Das passt zwar irgend wie zum retro Funk Sound, aber trotzdem fehlt Allem die letzte Knackigkeit und Direktheit. Es bleibt ein „matschiger“ Eindruck, der so ganz im Widerspruch zu dem innovativen „edgy“-gen Anspruch steht. Dass man etwa nach einem Drittel der Show das Bildformat von 4:3 auf 2,33:1 wechselt, ist wohl mehr der Auswertung als einer künstlerischen Idee geschuldet. Von der hat man sich als Zuschauer da schon verabschiedet.

Die Vorbilder, die Realität

So ging es dann von der ersten Nummer nahtlos in die Zweite über und es fällt nur auf, dass man sich für den „hier kommt die Zukunft“ Aspekt bei Daft Punk bedient hat und von deren Funk-Ära bis zum TRON-Soundtrack ein wenig durchgeplündert hat. Es geht dann weiter und man bemerkt, dass an den Nähten der Chroeographien immer wieder aufscheint, das eine amtlich getanzte Bühnenperformance nie ohne den von Michael Jackson etablierten Pinselstrich auskommt. Tja, man hatte viel vor und sich dabei nur an den Besten orientiert.

Musik, Tanz, Bühne… und wie inszeniert sich Dua Lipa? Sie liefert ab. Die Tanzschritte sitzen, der unlustig gelangweilt dreinschauende Blick auch. Misstöne vernimmt man auch keine. Auch sportlich ist das eine Leistung. Komisch ist nur, dass ihr von Nummer zu Nummer immer mehr umhüllender Stoff abhanden kommt. Da wird viel gewackelt und gezeigt. Wäre Taylor Swift da stolz, wie Dua Lipa die Fackel des Feminismus der Zukunft trägt? Fragt man sich so. Und wieder fällt auf, dass die Show, das Musikereignis, in den Hintergrund geraten ist.

Ja, es gab die Gäste, groß angekündigt, von Elton John über Kylie Minogue bis FKA Twigs. Eine girl power DJane, einen 60s retro Roller Dome. Dennoch ist nix geblieben. Vielleicht wegen des vielen eiskalten Industriehallen-Charmes drumherum. Der große Wurf blieb aus. Kein Meilenstein der Popgeschichte, schon gar nicht das Studio 54 der Zukunft. Lipa wollte erst nicht mitmachen, bei der Show – irgendwie merkt man das. Da haben die Profis von Ceremony London eine eingekaufte Show abgeliefert, perfekt am Reißbrett geplant und quasi ohne Fehler in die Welt gestellt. Dass das Ergebnis steril abgespult, uninspiriert und nicht sehr unterhaltend ist – diesen Aspekt hat man irgendwie nicht ‚raus geprobt bekommen. Fleiß allein ist eben keine Kunst.

So bleibt von diesem Auftritt, dass man als Popstar mit Ambitionen in der riesig gewordenen Medienlandschaft laut sprechen muss und so ein Konzertfilm eben dazu gehört. Beyoncé hat auch schon nicht mehr nur Musikvideos zu einzelnen Singles veröffentlicht, sondern 2016 ein „visuelles Album“ produziert, mit ganz viel Content für die vielen „content outlets“, von YouTube bis TV. Mit einem künstlerischen Ansatz, der einen großen Akzent setzt, hat das nicht zwingend etwas zu tun. Kann es haben, kann man versuchen – wie Dua, muss aber am Ende nicht klappen.

Dua Lipa „Studio 2054“ (in der Reihe „Pop Around The Clock“)
Noch für einige Zeit in der 3SAT Mediathek
Links hier, zu MediathekSuche und zu 3SAT direkt
oder auch, wie immer, vermutlich als Bootleg bei YouTube.