Die glorreichen Sieben (1960)

Die Illusion vom erlösenden Kampf, vom Beenden eines Konfliktes durch überlegene Gewalt. Davon und noch mehr handelt dieser Film. Wir haben ihn mal ausgegraben.
Veröffentlich am 13. März 2022 und aktualisiert am 3. April 2022
Yul Brynner in Die glorreichen Sieben nach der Verteidigung des Dorfes
Rechte: MGM/Columbia

Der Western Die glorreichen Sieben von 1960, der Klassiker von John Sturges, das Breitbild-Epos mit der weltbekannten Musik, der stilbildende Streifen der 60s, der in zahllosen Anlehnungen und Zitaten gefledderte Schinken, der ikonische Yul Brynner Film – dieses Ding ist, um es vorweg zu sagen, ein sehr guter Film.

Der Plot

Wenn man einen gut 60 Jahre alten Film bespricht, dann muss das schon einen guten Grund haben. Und Die glorreichen Sieben liefert gleich eine ganze Reihe guter Gründe, sich diesen Film in einer Wiederholung, im Stream oder BluRay einmal anzusehen. Nähern wir uns der Sache mal und fangen an mit diesem Plot:

Was Die glorreichen Sieben ein wenig von anderen Western unterscheidet, ist, dass die Handlung an einen japanischen Film angelehnt ist. Bekannter Weise lieferte Die Sieben Samurai von Akira Kurosawa (1954) die Vorlage zum Film – eine Handlung, die Kurosawa selbst sich nicht ausgedacht hat, sondern die er in der Folklore fand: es geht um ein Dorf, das es zu verteidigen gilt.

Denn dieses Dorf ist voll mit armen hilflosen Leuten. Immer wieder werden sie schikaniert, von irgendwelchen Banditen oder Bösewichten. Es gibt nur einen Ausweg: sie müssen sich helfen! Aber das können sie nicht selbst, ein Trupp von Outlaws muss her. Und wo findet man die? Na, man trifft sie in Bars oder durch Empfehlung. Sie kommen dann, für Geld aber meist aus Idealismus, und sorgen für Frieden. Mit ausgefeilten Hinterhalten, Gadgets und vollem Körpereinsatz. Kleiner Showdown am Schluss und der Tag ist gerettet.

Moment mal? Wer die 1980er Jahre Fernsehserie Das A-Team gesehen hat, der merkt, dass wir hier von Den Sieben abgeglitten sind in den immer wieder gleichen Plot der Fernsehserie von Stephen J. Cannell und Frank Lupo. Das liegt daran, dass die Serie eben eine dieser unzähligen Reinkarnationen der Glorreichen Sieben ist.

Nur dass da, wo die Episoden vom A-Team üblicher Weise aufhören, die Vorlage, die Sieben gerade mal halb vorbei ist. Man hätte eine unterkomplexe Geschichte vom „Eingreifen, Gewinnen und Weiterziehen“ erzählen können, mit unrealistischer Heldenverklärung und dem Traum vom Schlagen des Gegners durch einmalige Überlegenheit. Tat man aber nicht. Die Prämisse mag ja einfach sein: „hol den Wachhund und verscheuche die Diebe“. Der Traum von der einfachen Lösung durch einen gezielten heftigen Eingriff, quasi „kurz und schmerzlos“, der aber platzt in der Mitte des Films. Da ist die spontan erdachte Lösung an ihre Grenzen gestoßen. Da wird es kompliziert. Denn im echten Leben sind die Dinge komplizierter – und der Film möchte dem gerecht werden.

Nach dem ersten Sieg über die Bösewichte geht der Film in die Tiefe, nimmt sich Zeit für Figurenbildung, das Ausloten der Charaktere und der Umstände. Die Handelnden, die Helden, sind keine eindimensionalen Abziehbilder. Sie sind gebrochen, desillusioniert, sich ihrer Situation und der Tristesse und negativen Kinetik ihres Dasein bewusst. Sie hadern mit ihrer Rolle in der Welt und erkennen den Wert des einfachen friedlichen Lebens. Der Plot und seine Figuren – das ist das eine großartige Element in diesem Film.

Das Element Yul Brynner

Yul Brynner und Steve McQueen in Die glorreichen Sieben
Rechte: MGM/Columbia

Die andere Kraft im Film ist Yul Brynner. Er ist der „Typ“, der Anführer, der Chef und Stratege, das Zentrum. Seine Präsenz macht ihn zum Leader, zum Leader eines All-Star Casts, den man selten gesehen hat, Eli Wallach, Steve McQueen, Charles Bronson, Robert Vaughn, James Coburn… auch auf der Eben der Schauspieler musste Brynner als Chef funktionieren. Denn im Film stellt er „die crew“ zusammen – jeder einzelne der Sieben ist nur in der Gang wegen ihm und nur mit seiner Erlaubnis. Yul Brynner verkörpert den „General“ mit dem seltsam kleinlauten und vielleicht gerade deshalb passenden Namen „Chris“ – ein unauffälliger Typ, dem man seine Kraft, Schnelligkeit, Intelligenz und Erfahrung nicht ansieht. Im Mundwinkel hat er immer diesen Zigarillo – den man später wegen ihm auch „Hannibal“ Smith im A-Team verpasst hat. Brynner ist perfekt für die Darstellung dieses Typus‘. Eines Kerls, der in der Masse verschwindet, aber wenn man ihn getroffen hat, die Ausstrahlung gespürt hat oder sein Blick die Figuren des Films durchdrungen hat, dann weiß jeder instinktiv, wer das Heft in der Hand hat.

Man kennt diese Archetypen als Echo in der Filmgeschichte. Einen Typ vom Schlag eines Crocodile Dundee. Ein Charmeur und ein „gun for hire“. Ein Muldoon. Und auch, ja, ein Dwayne „The Rock“ Johnson. Interessanter Weise zeigt sich an Brynner/Johnson, dass im Film wohl immer wieder die selben Phänotypen einschlagen, denn in vielen Szenen sieht Brynner The Rock verblüffend ähnlich. Als wäre er sein Wiedergänger. Und beide spielen immer diesen Rollen, der Guy der eine „Coolheit“ ausstrahlt, bei der ihn immer gleich jeder als Chef akzeptiert. Und Brynner zeigt mit seinem Spiel, dass diese Qualität nicht nur mit Muskeln geschafft werden kann. Robert DeNiro zeigt das auch immer wieder, ist auch so ein Typ. Und es ist kein Zufall, das DeNiro in diesem anderen Remix der Glorreichen Sieben, dem Film Ronin (1998), die – ebenfalls understatement-mäßig benannte – Anführer-Figur Sam spielt.

Die Musik

Die wohl letzte große Komponente des Gesamtkunstwerks der Glorreichen Sieben ist die Musik, das Titelthema von Elmer Bernstein: Ein kraftvolles Orchester-Tutti wird gefolgt von einem süßlich elegischen Streichermotiv – unterlegt mit rhythmischen Akzenten. Ja, ist schwer zu beschreiben, aber jeder kennt es. Es ist aus irgendeinem Grund der Inbegriff der Western-Musik. Hört man diese paar Töne, den Sound des Orchesters, dann sieht man gleich Planwagen und weite Prairie, Pferdeschritt und breite Hutkrempen.

Das Problem dabei ist nur, dass das irgendwie nicht zu diesem Film passen möchte. Denn die glorreichen Sieben sind eigentlich ein ziemlich moderner Action-Film, der oft das Kleine zeigt und nicht permanent diese „Weite“ zelebriert, keine Romanze ist, oder von Klischee gewordenen Entbehrungen berichtet. Weil man diese Musik so oft ohne den Film gehört hat, will sie einfach nicht mehr zum Werk passen.

Und doch ist die Musik auch „die Musik“, die zu diesem Film gehört. Das Thema ist ein Kunstwerk für sich, so oft in Film-Soundtrack-Compilations und „Klassik goes Hollywood“-Konzerten runtergenudelt, dass es ein Evergreen und Schlager eigener Größe geworden ist. Und wenn man den Film noch nicht gesehen hat, dann fragt man sich, welcher Film, welcher große Film wohl hinter dieser Musik stecken mag. Nun, es ist dieser Film, der glorreiche, die Sieben. Und auch das ist eben das Verdienst dieser Musik.

Kontext

Um den Film heute halbwegs richtig einzuordnen, muss man sich wohl in die Zeit des Films zurückversetzen. Heute sind Western ja ein wenig aus der Zeit gefallen. Aber damals war das schon ein großes Ding, so ein Western. Man ging ins Kino für Abenteuer, Landschaft und Weite. Diese Breitbildstreifen, in Farbe und überlebensgroß. Das war schon was. Aber man muss es sich nicht so vorstellen, dass die Sieben damals als Teil eines Trends in die Kinos kamen. Hollywood produziert einfach immer wieder in loser Folge Western. Und dann eben diesen.

Damals war der Film ein US Box Office Flop. Warum? In der Rückschau schwer zu sagen. Vielleicht weil zeitgleich The Alamo im Kino war – der schlechtere Film, aber einer, in dem auch eine kleine Gruppe von Helden gegen einen übermächtigen Gegner ankämpfte. Oder überhaupt dieser Plot – war das eine Anspielung auf den parallel schwelenden Vietnamkonflikt und man wollte von dem Thema nichts wissen? Oder lehnte man vor diesem Hintergrund die Aussagen des Films ab? Oder hatte sich der asiatische Ursprung des Plots herum gesprochen und wurde abgelehnt? Wie konnte der Film Floppen, damals, mit dem Schauspielerensemble? Seltsam.

In der weltweiten Auswertung sah das jedoch ganz anders aus. Der Film wurde außerhalb der USA ein Hit. Und damit wir das nie mehr ansprechen müssen: dieser Erfolg führte zu zahlreichen Fortsetzungen. Von mal zu mal mit immer weniger hochkarätigem Cast. Vieles davon hätte man sich lieber gespart. Zuletzt musste 2016 ein Remake gedreht werden, von Fuqua mit Denzel. OK. Wir bleiben beim Original.

Die glorreichen Sieben
Rechte: MGM/Columbia

Was bleibt von den Sieben?

Dieser Film ist stimmig. Dieser Film ist nicht langweilig. Aber sein vielleicht größter Verdienst ist es, beim Zuschauer in vielen Momenten eigene Reflektionen zu induzieren. Es beginnt mit teil unverständlichen Details gerade zu Anfang des Films, die wie kleine Stolpersteine im Verlaufliegen. Dann grooved man sich ein und meint, hier einen einfachen Film zu sehen. Im hinteren Teil aber bemerkt man dann, dass der Film vielschichtig ist und seine Figuren bis in die Nebenrollen reich gestaltet sind. Das und wie der Film fließt und was er zeigt, seine Geschwindigkeit, gibt Raum für und triggert immer wieder eigene Gedanken zu dem Gesehenen. Was kann man aus der Handlung lernen, was sagt er uns – zu Krieg, zu Frieden, zu Auseinandersetzungen. Aufstehen oder erdulden? Ist Gewalt eine Lösung?

Und zu diesen Gedanken zeigt der Film nicht nur, nein, er sagt es auch: als die Bauern zum Söldner Chris kommen, um ihn anzuheuern, da fragt er sie: „Seid ihr euch klar darüber, was es heißt, wenn ihr so etwas anfangt?“ Und die Bauern meinen, na klar! „Wir sind bereit zu kämpfen, jeder einzelne von uns! … mit Knüppeln und Heugabeln!“ Aber Chris bremst ihren Enthusiasmus weise: „Habt ihr erstmal mit dem Kämpfen angefangen, dann müsst ihr darauf gefasst sein, dass es so weiter geht. Das Blutvergießen wird solange dauern, bis die Ursache dafür verschwunden ist.

Es ist die Illusion, dass man von außen eingreifen kann. Das man etwas final lösen kann. Sich der Feind einfach so verdrückt. Es geht um „die unterlegenen“ und „die überlegenen“. Das Mitgefühl mit dem Underdog, die Verachtung des Außenstehenden für den Überlegenen. Dem (Helden-) Narrativ von „wir gehen da jetzt einfach hin und beenden das“. Der Traum von der Existenz eines Erlösers, vom Erlöst werden. Die Frage, ob es richtig ist, einzugreifen – oder ob man es gar muss. Ob „zu den Waffen greifen“ die Lösung ist, oder gerade im „die Waffen niederlegen“ oder in anderen Mitteln der Ausweg zu finden ist. Von Ritterlichkeit, ohne Lohn, nur für die Ehre. Der Idee von „gerechter Gewalt“. Es stellt sich auch die Frage, ob damit wirklich geholfen ist.
Reiche Anspielungen. Dinge, die der Film streift und nicht immer, zumindest nie direkt, beantwortet.

Denkt man an moderne Kriege und Auseinandersetzungen, und stellt sich einen Gegner mit unbändigem blinden Willen zu gewinnen vor – dann bedeutet das für die Gegenwehr und in der Anwendung dieser Aussage: bis alle einer Seite tot sind. Ein schrecklicher Ausgang und das letztlich wohl oft ausweglos logische Resultat der Eskalation im Krieg. In War Games (1983) wird das am Beispiel des Atomkrieges durchdekliniert – und hier in den Sieben auf ganz kleinem provinziellem Niveau. Aber das Ergebnis, ob groß oder klein, ist immer das selbe. In dieser Logik gibt es, kann es, keine Gewinner geben. Und Chris weiß das. Nur die „Bauern“ wollen es nicht hören – wie das immer so ist. Und Chris wird sich schließlich zum Werkzeug ihres Zorns und ihrer Hilflosigkeit machen.

Aber am „in den Krieg ziehen wollen“ ist nichts heldenhaftes: als einer der Bauern den vor Tatendrang strotzenden Chico lobt, „Ein sehr junger und sehr stolzer Bursche.“, weiß Chris, dass dieser Heldenmut nur selten zu etwas anderem als Tod und Verderben führt: „Die Friedhöfe sind ja auch voll davon, von so jungen und so stolzen Burschen.

All das und mehr passiert dem Film irgendwie aus Versehen. Eigentlich war da doch nur diese lineare Idee von einem Dorf, das beraubt und schließlich verteidigt wurde. Die A-Team Idee. Aber da sind eben auch die „Samurai“, jeder mit seinem eigenen Gepäck. Und so funktioniert der Film auch als Charakterstudie. Oder mit seinem Spannungsbogen als Thriller. Und am meisten wohl funktioniert der Film mit seinen reichen Anspielungen als kraftvolle Parabel auf Krieg, Waffengänge und gewalttätige Auseinandersetzungen generell.

Ein Film also, der, wenn man es möchte, enorm bereichernd ist. Und das, obwohl er eigentlich so einfach ist.
Absolut sehenswert.

Filminfo

Originaltitel: The Magnificent Seven
USA – 1960 – 128 Minuten
Altersfreigabe: FSK 16

Regie: John Sturges
Drehbuch: William Roberts
Produktion: John Sturges, Walter Mirisch
Musik: Elmer Bernstein
Kamera: Charles Lang
Schnitt: Ferris Webster
Mit: Yul Brynner, Steve McQueen, Charles Bronson, Horst Buchholz, Robert Vaughn, Brad Dexter, James Coburn

Immer wieder im Free-TV, z.B. zuletzt am 13. Dezember 2020 auf ARTE.
Mehr über Yul Brynner in der Doku Kahlkopf von Format. Wer den OTR nutzt, kann sie hier sehen.
US-Trailer: